Leseprobe
Prolog
„Da hat sich aber jemand die Lichter ausgeschossen.“ Neele schaut zu ihrem langsam wegdämmernden Mann auf dem Beifahrersitz.
„Du liebst mich trotzdem, oder?“, lächelt Hauke vor sich hin.
„Vermutlich sogar mehr als deine Abteilungsleiterin, mit der du so ‚interessant' über die Tanzfläche gestelzt bist.“
Hauke merkt auf. Neele hatte es also beobachtet?
Leider ja. Sie war bereits in der Firma in Boberg eingetroffen, um ihn von der Betriebsfeier abzuholen, als er – der absolute Nichttänzer – zu einem der demütigendsten gesellschaftlichen Rituale genötigt worden war, seit es Lohnarbeit gibt: dem obligatorischen Tanz mit der oder dem Vorgesetzten. Wahrscheinlich beginnt man schon deshalb auf solchen Feiern sehr früh mit dem hemmungslosen Trinken. Weil man nüchtern viel zu viel Scham und Würde besitzt, um das zu tun, was unbedingt zur Betriebsfeierfolklore gehört.
Neele dreht die Schraube noch ein bisschen weiter: „Ich habe es nicht nur gesehen, sondern natürlich mein Smartphone gezückt und alles dokumentiert.“
Hauke ist sich sicher, dass dieser Tanz einen festen Platz in ihrer Familiengeschichte bekommen wird. Er versucht, die Reste seines vom Rotwein reichlich beschossenen Gleichgewichtssystems mit Neeles sportlicher Fahrweise in Einklang zu bringen. Eigentlich hat die Bundesstraße 5, auf der sie Richtung Lauenburg nach Hause fahren, eine verhältnismäßig neue, intakte Fahrbahndecke. Doch Haukes Magen meldet unruhig etwas ganz anderes ans Gehirn. Der hat nämlich das Gefühl, gerade über eine Buckelpiste zu rattern. Und das ist nicht gut.
„Kannst du mal anhalten?“, bittet er schließlich kurz hinter Escheburg.
Selbstverständlich fährt Neele bei der ersten Gelegenheit rechts ran. Das hätte jede für ihren Liebsten gemacht. Es sei denn, man wüsste, dass etwas passieren wird, wenn sie jetzt anhalten. Aber so etwas kann man zum Glück nicht wissen. Denn das Leben wird nach vorne gelebt, ohne auch nur die nahe Zukunft voraussehen zu können. Erst im Rückblick zeigt sich, was fatale Fehlentscheidungen waren.
Neele lenkt ihren Wagen auf einen menschenleeren, zugewachsenen Parkplatz, dessen Boden von zwei tiefen Fahrrinnen und in den Matsch eingesunkenen Ästen durchzogen ist. Büsche, Gestrüpp und Unkraut haben sich über den Sommer wild wuchernd aufgetürmt, sind aber jetzt im November schon deutlich zusammengesackt und modern langsam einem matschigen Winter entgegen. Alte Reifen, benutzte Taschentücher und zwei zerlöcherte Plastiktüten mit Müll komplettieren das Bild. Die besten Stücke Abfall sind längst von Krähen, Ratten oder vom Dachs geholt worden. Die Scheinwerfer erfassen kurz einen verrosteten Stacheldrahtzaun, bevor sie in einer eingewachsenen Ecke des Parkplatzes anhalten.
Hauke steigt aus, atmet tief die kalte Luft ein und lehnt sich mit einem Seufzen an den Kotflügel. Neele macht den Motor aus, dreht sich um und wühlt auf der Rückbank herum. Es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen. Sie ertastet eine angebrochene Packung Zwieback – genau das Richtige für einen rebellierenden Magen. Als ihre Autotür zufällt, schalten sich die Scheinwerfer automatisch aus. Jetzt ist es stockdunkel. Neumond.
„Hier“, sie hält ihm den Zwieback hin.
Hauke nimmt artig einen krachenden Bissen.
Kurz darauf fährt ein Polizeifahrzeug auf den Parkplatz. Eine Wanne schaukelt durch die Fahrrinnen und bleibt dann stehen. Der Motor wird ausgestellt. Die Scheinwerfer gehen aus. Dann passiert nichts mehr.
Neele runzelt die Stirn: „Okay?!“
Hauke hört lediglich auf, seinen trockenen Zwieback weiter mit den Backenzähnen zu zermahlen. Natürlich glaubt er nicht, dass die Polizisten in einer rund fünfzehn Meter entfernten Wanne das in seinem Kopf ohrenbetäubende Krachen wahrnehmen können. Er möchte nur selbst hören, was für Geräusche von dort herüberdringen. Absolut keine. Es steigt weiterhin niemand aus. Und am merkwürdigsten ist vielleicht ein kleines Detail: nicht einmal die Bildschirme von Handys leuchten auf. Dabei würde doch jeder halbwegs normale Mensch sofort dem Drang nachgeben, auf das Display zu starren.
Gelegentlich rauschen Autos vorbei. Dann verändert sich das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs. Es wird tiefer. Leiser. Ein Transporter fährt auf den Parkplatz. Er passiert Neele und Hauke und hält dann direkt neben der Wanne. Das ist der Moment, in dem sie sich gleichzeitig hinter ihrem Wagen verstecken.
Zwei Männer steigen aus dem Transporter und zünden sich Zigaretten an. Durch die Innenbeleuchtung des Transporters ist zu erkennen, dass der größere drahtig schlank ist, mit rasiertem Schädel. Der kleinere hat einen Bauch und tätowierte Unterarme.
Jetzt steigen zwei Polizisten aus dem Polizeitransporter und nähern sich ihnen. Einer wirkt noch recht jung, Anfang zwanzig vielleicht. Beide haben ihre Waffen gezückt.
„Easy, Jungs“, beschwichtigt der Tätowierte.
Doch die Polizisten bleiben starr. Offensichtlich haben sie einen Plan. Der jüngere geht auf die beiden Männer zu, untersucht sie nacheinander auf Waffen, während der andere weiter auf sie zielt. Dann nimmt er den Autoschlüssel des Fahrers an sich, verschließt den Wagen per Knopfdruck. Das kalte Klacken des Schließmechanismus ist deutlich zu hören. Neele erinnert es an ein zuschnappendes Kofferschloss.
Der ältere Polizist – er trägt einen exakt geschnittenen Vollbart – öffnet die Seitenklappe der Wanne. Die Innenbeleuchtung schaltet sich ein. Mehr ist für Hauke und Neele nicht zu erkennen, weil der Transporter ihnen die Sicht versperrt. Die Männer untersuchen etwas. Dann öffnet der große, dünne Typ die Seitentür seines Transporters. Die Türen stehen jetzt direkt gegenüber, vielleicht in einem knappen Meter Abstand. Und es wird klar, was dort vor sich geht. Etwas wechselt aus dem Polizeiwagen in den Transporter. Menschen? Pakete? Waffen? Drogen? Sie wissen es nicht. Aber sie wissen, dass sie jetzt Zeugen von etwas sind, bei dem sie besser nicht dabei wären.
Hauke dreht sich zu Neele: „Spätestens, wenn sie hier rausfahren, entdecken sie uns.“
Neele deutet auf ihre Beifahrertür, die nur angelehnt ist. Sollen sie sich ins Auto schleichen? Hauke nickt. Vorsichtig öffnen sie sie einen Spalt, Neele krabbelt zuerst hinein und rutscht über den Beifahrersitz auf ihren Fahrersitz. Dann will Hauke auf den Beifahrersitz steigen und tritt dabei auf die fast leere Packung Zwieback, in der die restlichen Scheiben krachend bersten. Atemlose Stille bei Neele und Hauke, die Männer haben anscheinend nichts gehört. Neele rutscht tief in ihren Sitz, so dass sie gerade noch mit den Augen über das Armaturenbrett sehen und die Szene weiter verfolgen kann. Hauke will die Wagentür leise heranziehen, als genau in dem Moment von ihrer Rückbank ein lautes Geräusch dringt.
„Aaaahhhr!“
Ein Schock durchstößt sie beide. War das etwa zu hören? Sie rutschen noch tiefer in ihre Sitze und stoßen beide ein leises „Schschsch…“ aus.
Neele sieht, wie der große, drahtige Typ aufhorcht und jetzt in die dunkle Umgebung schaut. Hauke greift so schnell er kann zwischen die Vordersitze nach hinten und versucht, sich unter den Jacken und Decken bis zu ihrem Sohn Emil durchzuwühlen.
Der Einjährige war bisher darunter verborgen und hatte in seinem Kindersitz geschlafen. Jetzt weiß er nicht, wo er ist. Warum es so dunkel ist. Warum seine Eltern nicht sofort da sind. Gerade will er einen lauteren Schrei ausstoßen, als Hauke Emils Fuß ertastet und ihn sanft streichelt:
„Alles gut, schlaf weiter.“
Neele ist in höchster Alarmbereitschaft. Sie sieht, wie der Mann ihr Auto fixiert. Kann er mehr als einen parkenden Wagen erkennen? Muss ihn das überhaupt interessieren? Sein Misstrauen überwiegt. Er holt etwas aus dem Transporter und kommt ein paar Schritte auf sie zu. Neele erkennt, dass der Typ mit einem Radkreuz für den Reifenwechsel bewaffnet ist. Er geht langsam weiter.
Die anderen drei Männer sind inzwischen aufmerksam geworden und schauen ihm hinterher. Der bärtige Polizist ist wütend: „Wieso haben wir die Karre nicht gesehen?!“
„Da vögeln doch nur welche,“ vermutet sein Kollege.
Doch der Bärtige erinnert ihn: „Was hatten wir gesagt? Auf keinen Fall Zeugen!“
Neele starrt fassungslos auf den Mann, der unaufhaltsam auf das Auto zukommt. Hauke ist derweil zwischen Armaturenbrett und Sitz eingeklemmt, um Emil auf der Rückbank zu streicheln. Er kann den Kopf nicht heben, hört nur Neeles ängstliches Geflüster: „Kommt der? … Scheiße, der kommt… der kommt…“ Ihre Finger umfassen den Autoschlüssel. Ihre Füße schieben sich auf Gaspedal und Kupplung.
„Fahr!“, presst Hauke hervor.
Neele wartet. Vielleicht bleibt der Typ stehen. Vielleicht sieht er nichts Verdächtiges. Und tatsächlich – etwa sieben Meter entfernt verharrt er und starrt zu ihnen rüber.
„Kehr um… kehr um… verzieh dich…“, fleht Neele, als könnte sie ihn mit ihren Worten steuern.
Die Augen des Mannes gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit. Schließlich erkennt er, dass sich zwei Menschen im Auto in die Sitze ducken. Natürlich hat er keinen Bock auf Eskalation. Doch jetzt muss er handeln.
„Fuck!“, platzt es aus ihm heraus – und er eilt auf Neeles Auto zu.
Neele startet mit einem Aufschrei den Motor, tritt vor Aufregung das Gaspedal ganz durch und lässt die Kupplung zu schnell kommen. Der Wagen macht einen Satz nach vorne. Dann stottert der Motor. In diesem Moment erreicht sie der Typ, holt aus und schlägt mit Schwung das Radkreuz gegen die Autoscheibe der Beifahrertür. Das Sicherheitsglas zersplittert in hunderte kleine, gleichförmige Stücke und ergießt sich über Hauke.
Neele tritt verzweifelt immer wieder das Gaspedal, als würde sie mit einem Blasebalg eine Luftmatratze in Rekordzeit aufpumpen wollen. Schließlich scheint der Wagen zu begreifen, dass er losfahren soll – und bewegt sich.
Die beiden Polizisten und der dicke Komplize haben sich zeitgleich in Bewegung gesetzt und stürmen ebenfalls auf das Auto zu. Der bärtige Polizist zückt die Dienstwaffe und schießt eiskalt im Laufen. Die Kugel durchdringt den Seitenspiegel auf der Fahrerseite. Neele schreit entsetzt auf. Noch haben sie nicht genügend Geschwindigkeit aufgenommen, um die Verfolger abzuschütteln.
Der Dürre rennt. Dann wirft er das Radkreuz mit aller Kraft gegen das Auto. Ein dumpfer Schlag. Eine ordentliche Delle im Kotflügel. Zum Glück nicht mehr. Doch der Dürre selbst ist gefährlich schnell. Er kann das Auto einholen und hält sich am Fensterholm der Beifahrertür fest. „Bleib stehen!“
Hauke brüllt ihn verzweifelt an, er solle sich verpissen. Dann schlägt er mit beiden Fäusten auf die am Fensterholm klammernden Hände des Mannes. Er treibt sie damit wie ein Hammer, der einen Nagel einschlägt, auf die restlichen im Fensterrahmen steckenden Glassplitter. Das Glas schneidet tief in die Finger, perforiert Haut und Adern, sodass sofort Blut hervorquillt. Doch der Mann gibt nicht auf, hält sich weiter fest und schwingt sich mit einem letzten Kraftakt auf das Autodach. Seine blutenden Hände krallen sich am Blech fest.
Endlich nimmt der Wagen mehr Fahrt auf. Neele hat bisher die tiefen Fahrrinnen gemieden, jetzt hält sie hart drauf und ruft: „Festhalten!“
Der Wagen macht einen Satz durch die Luft und schlägt brutal auf. Emil schreit auf. Doch so heftig das Auto auch wieder landet, der Dürre kann sich immer noch halten. Während Neele so schnell beschleunigt, wie sie kann, ändert Hauke seine Taktik. Er löst einzelne Finger des sich festklammernden Mannes und erhöht so den Druck auf die restlichen. Schließlich muss der Mann loslassen. Er wird auf die Piste geschleudert, und Neele rast auf die Schnellstraße.
Was für ein Schock. Sie lachen zutiefst erleichtert auf und schauen sich an. Auf der Rückbank beginnt Emil laut zu weinen. Sofort kümmert sich Hauke um ihn und schaut dabei durch die Heckscheibe. Er sieht, wie die Männer zu ihren Wagen eilen.
„Die werden hinterherkommen.“
„Logisch…“, Neele presst die Lippen zusammen.
Hauke beginnt Emils Lieblingsspiel und tut so, als würde er ihn zwischen den Decken suchen: „Wo bist du?“, dann findet er ihn, „Da bist du!“ Er reibt Emils Bauch, und tatsächlich wird dessen Laune etwas besser.
Durch das zerstörte Beifahrerfenster dringt unerbittlich die feuchtkalte Novemberluft. Das Blut des Angreifers ist erst der Schwerkraft folgend am Holm heruntergelaufen, inzwischen wird es vom Fahrtwind fast waagerecht weggetrieben und stockt auf dem Seitenfenster.
Neele umklammert das Lenkrad und beobachtet Hauke aus dem Augenwinkel. Der versucht weiter, Emil zu beruhigen. Dann sucht er sein Handy und wühlt es aus seiner rechten Hosentasche. Seine Hände zittern noch von der Aufregung.
Neele will ganz sicher gehen: „Du rufst jetzt nicht die Polizei an, oder?“
Hauke lacht bitter auf: „Vielleicht lande ich dann direkt bei dem, der auf uns geschossen hat… nee, danke.“ Er drückt auf den Knopf, bis sich das Smartphone automatisch abmeldet. „Wo ist deins?“
„Rechte Jackentasche.“
Sie rasen auf die Weggabelung der 404 und der B5 zu, Richtung Escheburg/Bergedorf. Neele entscheidet, auf der 404 zu bleiben: „Und jetzt? Auf die Autobahn oder rüber?“
Hauke greift in ihren Blazer und zieht das Handy hervor: „Deren Wagen sind schneller, die würden uns auf der Autobahn einholen… lieber rüber.“
Neele nimmt die Linksabbiegung auf die 404 Richtung Elbbrücken nach Marschacht – mit kaum gebremster Geschwindigkeit.
Hauke stöhnt, sein Magen krampft sich in der Kurve gefährlich zusammen. Er holt tief Luft, bezwingt den Würgereiz und schaltet Neeles Handy ebenfalls aus: „Falls ihr uns orten wollt – fickt euch!“
Neele fährt, so schnell ihr Wagen es hergibt, über den Elbekanal mit der Schleuse, deren Tor gerade Richtung Geesthacht geöffnet ist.
„Nur noch 37 Kilometer Benzin…“, murmelt Hauke nach einem Blick auf die Tankanzeige.
Betretenes Schweigen. Was sollen sie jetzt tun?
Gerade als sie über die zweite Elbbrücke fahren, unter der sich das Wehr befindet, entscheidet sich Neele.
„Wir verschwinden. Folgen sie uns schon?“ Sie sieht nichts im Rückspiegel. Von vorne kommen zwei Wagen entgegen und rauschen an ihnen vorbei.
Hauke dreht sich um. Die schnurgerade Straße liegt tatsächlich stockdunkel hinter ihnen: „Nichts. Kein einziges Auto.“
Er will gerade erleichtert durchatmen, als Neele kurz hinter der Brücke eine schmale Straße entdeckt. Spontan reißt sie das Lenkrad herum. Nicht nur Hauke ächzt laut auf, auch der Wagen quietscht, als er mit überhöhter Geschwindigkeit in die scharfe Linkskurve gezwungen wird.
„Festhalten!“, stößt sie zu spät hervor.
Der Wagen rutscht auf die gegenüberliegende Fahrspur und fährt viel zu schnell in die schmale, geteerte Straße ein – die darf eigentlich nur von Unterhaltungsfahrzeugen genutzt werden. Sie steuert in einen Weg, der sich schmal und abschüssig am Deich hinunterzieht. Unten endet er an einem Kai neben der Elbbrücke. Das Areal ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Die Absperrgeländer zur Elbe wurden entfernt, stattdessen sichert ein provisorischer Holzzaun das Gelände zum Fluss. Neele ignoriert das Verbotsschild, fährt auf den Kai und hält neben dem Pausencontainer für die Bauarbeiter. Hier können sie von der Elbbrücke aus nicht gesehen werden. Ein bisschen Schutz.
Hauke dreht sich endgültig der Magen um. Er reißt die Tür auf, stolpert ein paar Schritte und übergibt sich in die Grassoden am Rand des Kais.
Neeles Hände umklammern weiter das Lenkrad, während sie schwer atmend versucht, etwas ruhiger zu werden.
Emil schreit inzwischen lautstark. Sie löst ihn aus dem Kindersitz, holt ihn nach vorn zu sich und wiegt ihn sanft hin und her. Sie atmet tief an Emils Hals ein. Sein milchsaurer Geruch reißt sie für einen Moment aus der lebensbedrohlichen Situation. Es gibt für sie keinen schöneren Duft als den ihres Sohnes. Sie beruhigt ihn, während seine kleinen Hände nach ihren Haaren greifen.
Hauke kommt mit blassem Gesicht zurück, nimmt eine halb volle Wasserflasche und spült sich den Mund aus.
„Komm rein, damit dich niemand sieht.“
Er setzt sich zu ihnen, schließt die Beifahrertür. Neele nimmt eine Decke vom Rücksitz und wickelt sich und Emil darin ein. Sie denkt laut nach. Wenn die Männer sie wirklich suchen, werden sie die fast menschenleeren Straßen nach ihnen abfahren. Mit ihrer fehlenden Beifahrerscheibe würden sie sofort auffallen.
Darum ist ihr Vorschlag: „Wir bleiben hier. Sobald es hell wird und die Straßen belebter sind, fahren wir los. Es kann nicht sein, dass die gesamte Polizei in kriminelle Geschäfte verwickelt ist und deswegen jeden Zeugen beseitigt. Das wird eine kleine lokale Gruppe sein. Deswegen werden wir nach Winterhude ins Polizeipräsidium fahren.“
„Okay. Wir bleiben hier.“ Hauke versucht entschlossen und unbeeindruckt zu wirken, aber seine Stimme ist brüchig. Ihre Blicke treffen sich, dann umarmen sie sich mit Emil in ihrer Mitte.
Neele steigen Tränen in die Augen: „Ich liebe dich.“
Er löst sich etwas aus der Umarmung, um sie anzuschauen: „Und ich liebe dich.“
Sie schauen erschöpft auf die Elbe. Andauernder Regen im Riesengebirge und in Tschechien hat sie anschwellen lassen. Das Wasser strömt mit bedrohlicher Wucht die mehreren Meter der Staustufe hinunter Richtung Hamburg. Emil schmiegt sich an Neele und schläft schließlich in ihren Armen ein. Sein leiser, gleichmäßiger Atem ist nicht zu hören, denn das Rauschen der Wassermassen verschluckt jedes feine Geräusch. Auch Neele und Hauke schließen für einen Moment die Augen. Doch an Schlaf ist nicht zu denken – ihre Anspannung und Angst brüllen gegen das Elbwehr an.
In Haukes Seitenspiegel blitzen Scheinwerferkegel auf. Er schreckt hoch und sieht, wie ein SUV langsam den Weg herunterfährt und abrupt stoppt. „Scheiße!“
Neele sieht, wie die Scheinwerfer ausgeschaltet werden: „Das sind sie!“
„Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall ist es ein anderer Wagen, keine Polizeiwanne und kein Transporter. Also ruhig bleiben“, flüstert Hauke.
Das bringt Neele beinahe zum Lachen, weil niemand auf der ganzen Welt in so einer Situation ruhig bleiben könnte.
Dann haben sich die Insassen des SUV offensichtlich abgestimmt, was sie tun werden. Der Wagen fährt zügig los – ohne Licht.
Natürlich vermuten Neele und Hauke, dass er direkt hinter ihnen anhalten wird, die Männer aussteigen werden und es dann zur Konfrontation kommt. Doch der Wagen fährt einfach weiter – bis die Stoßstangen unsanft an ihren Wagen knallen. Hauke und Neele schreien auf. Das ist also schon der Angriff.
Unerbittlich drängt der PS-starke Wagen ihr viel kleineres Auto vor sich her.
Plötzlich begreift Neele, ihre Stimme überschlägt sich vor Angst: „Die schieben uns in die Elbe!“
Hauke greift instinktiv nach Emil und will mit ihm aussteigen. Aus dem Wagen hinter ihnen lehnt sich ein Mann und zielt mit einer Pistole auf ihn. Hauke zieht sich ins Auto zurück: „Was sollen wir machen?!“
Wie fällt man in Sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung, wenn alle Optionen potenziell tödlich sind?
„Trotzdem raus!“, schreit Neele. Doch es ist zu spät. Ihr Wagen wird gegen die Holzabsperrung gedrückt. Die bemüht sich redlich, ihren Job zu machen – doch dafür ist das Holzgitter nicht konstruiert. Es gibt schließlich splitternd und krachend nach. Neeles Wagen wird über die Kante geschoben und stürzt in die Elbe. Völlig panisch schreien sie auf.
Das Wasserthermometer bei der Elbschleuse nur einen Kilometer entfernt zeigt für November typische sechs Grad. Das kalte Wasser schwappt sofort durch das fehlende Seitenfenster. Emil schreit schockiert auf – ein durchdringender Laut, der im Rauschen der Elbe fast untergeht.
„Emil!“ brüllt Neele.
„Ich hab ihn!“, Hauke versucht, ihn festzuhalten.
Die Strömung beschleunigt alles. Der Wagen sinkt und wird schnell unter die Wasseroberfläche gezogen. Bei allen dreien setzt ein überlebenswichtiger Reflex ein: Sie halten instinktiv die Luft an.
Hauke versucht, die Beifahrertür aufzustemmen – nur raus hier und an die Oberfläche, das ist ihre letzte Chance. Aber der Elbgrund ist uneben, übersät mit Geröll und Steinen. Die Tür wird beim Öffnen blockiert, sie lässt sich nur einen winzigen Spalt öffnen – dann ist Schluss. Neele dagegen bekommt ihre Tür auf und schiebt sich aus dem Wagen. Die Strömung reißt sie mit, sie schafft es an die Wasseroberfläche und kann einen tiefen Atemzug nehmen. Dabei sieht sie, dass einer der Männer ausgestiegen ist und das Wasser taxiert.
Als er Neele entdeckt, zeigt er auf sie: „Da!“
Sie taucht sofort wieder ab. Dabei fällt ihr ein, warum sie den bärtigen Mann nicht sofort erkannt hat. Er trägt keine Uniform, sondern dunkle Kleidung, das ist anders. Doch es ist eindeutig der Polizist.
Je näher sie dem Wehr entgegen gespült wird, desto stärker wird sie in den Wassermassen verwirbelt. Dabei passiert es. Ungeschützt schlägt ihr Kopf mit voller Wucht gegen den riesigen Wehrverschluss. Der Aufprall ist so stark, dass sie sofort das Bewusstsein verliert. Sie merkt nicht mehr, wie sie die Staustufe hinuntergespült wird und in die tödlichen Strudel gerät. Auch wenn Neele bei Bewusstsein geblieben wäre, hätte sie nicht mehr mitbekommen, was mit ihrer Familie passiert.
In einem letzten verzweifelten Versuch will Hauke
zumindest seinen Sohn retten und ihn durch das kaputte Beifahrerfenster drücken. Doch der CO2-Gehalt in seinem Blut ist inzwischen viel zu hoch. Sein Körper gibt Signale, die stärker sind als jeder Wille. Er kann nichts dagegen tun. Automatisch setzt sein so lange unterdrückter Atemreflex wieder ein.
Die Elbe dringt erst in seinen Kehlkopf und füllt anschließend die Lunge. Dann beginnt auch schon das finale Krampfstadium eines Ertrinkenden. Hauke stirbt, ohne dass er seinem Sohn noch hätte helfen können.
Zweieinhalb Jahre später
Lisa wohnt zwar nur in einer kleinen Einzimmerwohnung in Berlin-Friedrichshain, aber es soll ja Leute geben, die mit so wenig Platz zurechtkommen. Zugegeben, das mit dem zu wenig Platz liegt nicht unbedingt an den insgesamt 32 Quadratmetern. Die eigentliche Enge in der Wohnung ist viel eher als selbstverschuldet zu bezeichnen. Es sieht bei ihr aus, als sei eine ganze Demo marodierender Chaoten direkt durch ihr Apartment gezogen – ein Schlachtfeld aus Klamotten, Ikea- und Second-Hand-Möbeln sowie zum Teil müffelnden oder gar klebrigen Beweismitteln eines Lebens, das nicht auf der Höhe unserer sauberen Zeit ist. Kleidungsstücke quellen aus dem Schrank, spätestens jetzt weiß man, dass Lisas Lieblingsfarbe Graublau ist. Auf dem 80er-Jahre-Couchtisch mit Fliesen stehen leere Sushi-Boxen. Stäbchen ragen wie kleine Antennen aus einer der Boxen, die nur auf den rettenden Funkspruch zu warten scheinen, dass Mutti sie jetzt endlich wegwirft.
Lisa wohnt seit eineinhalb Jahren hier und hat von Anfang an dem heranwachsenden Chaos ideale Bedingungen geboten, um sich wie ein Pärchen quiekender Meerschweinchen fröhlich fortzupflanzen. Schnell bilden sie Kolonien, die weitere Zonen der Wohnung für sich erschließen, um schließlich den letzten vom Chaos unbefleckten Ort in der Wohnung zu besiedeln: Lisas Bett.
Doch bei ihrem Bett versteht Lisa keinen Spaß. Es war in der ganzen Zeit ihr Rückzugsort, in dem nichts und niemand etwas zu suchen hatte. Um ihre Bettkante hat sie eine imaginäre rote Linie gezogen, bis zu der die Außenwelt auf sie zuschimmeln darf. Ihre Matratze ist die Schutzzone vor dem Biest Leben. Ihr Smartphone hat als einziges eine Ausnahmegenehmigung und darf die rote Linie überschreiten, es liegt auf der Matratze. Und das aus gutem Grund: mit Hilfe des Smartphones wird sie irgendwann zurückschlagen und sich – gefühlt – hoffentlich wieder ein größeres Stück vom Leben abschneiden können als diese Matratze. So ist jedenfalls der Plan.
Es ist nicht so, dass Lisa von morgens bis abends auf der Matratze liegt. Sie hat zum Beispiel einen Job und sie unternimmt auch Dinge, wenn sie emotional dazu in der Lage ist. Jetzt, kurz vor halb drei, hat sie gerade ausgeschlafen und surft erst einmal auf dem Smartphone ihre gewohnten Seiten ab. Es ist ihr tägliches Ritual nach dem Aufwachen: Sie googelt nach Vermisstenanzeigen und sucht Bitten um Mithilfe zur Aufklärung von Morden, Verbrechen oder Diebstahl. Den heißesten miesen Scheiß sozusagen, den das Leben in den letzten Stunden so ausgeworfen hat. Sie liest Schlagzeilen, studiert Fotos von Vermissten, scannt Texte nach gruseligen Details. Es ist eine Routine, die sie seit Monaten durchzieht, oft stundenlang. Heute gibt es nur wenige neue Veröffentlichungen, es ist ja auch erst früher Nachmittag.
> Vermisst seit drei Wochen – 19-jährige Studentin aus Augsburg. Letzte Sichtung an der Straßenbahnhaltestelle Jakobertor. Ihre Familie setzt eine Belohnung von 3.000 Euro für Hinweise aus.
Lisa hat eine vage Vorstellung von solchen Fällen. Die junge Frau wird am Ende den Kontakt aus freier Entscheidung mit der Familie abgebrochen haben und will auch keinen mehr.
> Raubüberfall in der Niederlausitz – Tankstelle überfallen, Täter entkam mit 8.000 Euro Beute. Der Betreiber der Tankstelle bietet 1.000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen. Ein Raubüberfall. Lisa lehnt sich nachdenklich gegen die Wand. Für die Aufklärung sind 1.000 Euro viel zu wenig, zumal der Täter bewaffnet ist, es also eine körperliche Gefahr gibt. Nix für sie. Sie scrollt weiter.
> Produktpiraterie in Hamburg – Namhafte Modefirmen setzen gemeinsam 5.000 Euro Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung von kriminellen Trittbrettfahrern der Modeindustrie führen. Ihr rechter Daumen verharrt über dem Touchscreen. Eine Sekunde, zwei ...
Dann scrollt sie weiter, hält inne und überlegt. Dabei müsste sie das gar nicht. Sie hat sich so intensiv damit beschäftigt, dass sie sofort die große Schnittmenge zwischen der Ausschreibung und ihrem so sorgfältig entwickelten Plan erkennt. Sie scrollt zurück, liest noch einmal. Der Inhalt ist logischerweise noch derselbe, und ihre Einschätzung, dass es absolut passt, hat sich auch nicht verändert. Dann macht sie, was die meisten von uns in so einer wichtigen Situation machen würden: Sie legt das Handy schnell beiseite und tut so, als hätte das alles gar nichts mit ihr zu tun. Für sie gibt es jetzt erst einmal Wichtigeres zu erledigen. Zum Beispiel duschen.
Keine zehn Minuten später kommt Lisa aus ihrem winzigen Badezimmer, das Handtuch um den Kopf gewickelt. Die darunter hervorlugenden Haarsträhnen tropfen noch leicht, und das Wasser läuft in kleinen Tränen ihren Rücken hinunter. Sie läuft durch ihre Wohnung, wie eine Wildkatze im Zoo, die viel zu wenig Platz hat. Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Natürlich muss der Begriff ‚herumtigern‘ daher kommen – viel zu wenig Platz für so viel Wunsch, sich wieder frei bewegen zu können.
Lisa hat sich innerlich tot gefühlt und nichts mehr auf die Reihe bekommen. So wie das im Leben eben manchmal ist. Hier in Berlin-Friedrichshain kommt so etwas natürlich häufiger vor und tritt bei mehr Leuten auf als auf dem flachen Land. Viele leben hier von Aushilfsjobs und versuchen nebenbei ihre Träume zu verwirklichen: Schauspielerin zu werden, Maler, Designer:in oder wenigstens irgendwas mit Medien. Hier werden auch mit Glück, harter Arbeit oder einfach nur durch konsequentes Aussitzen neue Lebensideen geboren. Manchmal.
Darum ist Lisa hier. Sie hat eine neue Idee vom Leben und muss die nur noch umsetzen. Doch vorher will sie etwas anziehen. Auch in Friedrichshain kommt man nackig nicht sehr weit, außerdem geben das die frühlingshaften Temperaturen noch nicht her. Lisa hat sogar Vorstellungen davon, was sie heute anziehen will. Es ist dieses eine Sweatshirt. Das graublaue, ihr Lieblingsshirt. Das muss sie erst einmal finden. Beherzt greift sie in den zugestopften Schrank, zieht ein paar Hoodies und Shirts heraus. Das gewünschte ist nicht dabei. Also greift sie tiefer, zieht mehr heraus. Erste Kleidungsstücke gehen dabei zu Boden. Sie steigt drauf und gewinnt so entscheidende Zentimeter, um herumwühlend ins oberste Fach noch mehr Chaos zu bringen. Das Sweatshirt ist nicht dabei.
Normalerweise würde sie jetzt aufgeben und zu einem anderen graublauen T-Shirt greifen. Doch heute ist ein Ehrgeiz in Lisa erwacht, den sie seit Jahren nicht gespürt hat und der nicht nur ihren Gesichtsausdruck verändert. Ihr ganzer Körper, ihr Wesen und auch ihre Seele, falls es denn eine Seele gibt, vereinen sich zu einer brutalen Suchmaschine, die nur noch ein Ziel hat: ihr graublaues Sweatshirt.
Eigentlich ist es egal, wo sie es schließlich findet. Allein, dass sie es findet, bedeutet für sie schon mal einen Teilsieg. Dass es sogar noch einigermaßen sauber ist, die Riechprobe besteht und weniger Falten aufweist, als man so denken würde, macht die ganze Suchaktion zum persönlichen Triumph. Sie zieht es an, legt sich wieder auf ihre Matratze und rekapituliert zufrieden, dass sie diesen Ehrgeiz, der jetzt mal kurz einfach eingeschossen ist, so lange nicht mehr hatte. Darum nimmt Lisa ihr Smartphone, öffnet ihre Social-App, wählt den obersten Kontakt aus, drückt die Sprachnachricht-Taste und sagt:
„Phase drei beginnt.“
Kaum hat sie die Nachricht abgeschickt, verbirgt sie das Gesicht aufgeregt in ihren Händen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sie hat es in die Welt gesagt, jetzt muss sie liefern. Das Smartphone dagegen schaltet erst einmal den Ruhebildschirm ein. Darauf ist ein weißer Hund mit braunen und schwarzen Flecken zu sehen, der fröhlich zu grinsen scheint. Könnte ein durchgeknallter Jack-Russell-Terrier sein. Doch der Ruhebildschirm bleibt nicht lange sichtbar. Denn Lisa springt auf und ruft diese Nummer an, unter der man weitere Informationen zur Produktpiraterie erhalten soll. Das Freizeichen dröhnt in ihrem Ohr, während sie sich in den 80er-Jahre-Metallrohrstuhl setzt, dessen himbeerrote, samtbezogene Rückenlehne, Sitzfläche und Armlehnen zwar verschlissen, aber noch intakt sind. Sie stützt sich mit den nackten Füßen am Couchtisch ab, dessen rote Fliesen mit grünen Einsprengseln erstaunlich gut zum Stuhl passen. Wie immer, wenn sie angespannt ist, kippelt sie. Als der Anruf entgegengenommen wird, springt sie wieder auf.
„Berit Hansen GmbH, mein Name ist Hugo Berteaux. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Lisa räuspert sich. Sie hat heute noch nicht gesprochen, und jetzt soll die Stimme gleich perfekt klingen – entschlossen, souverän, überzeugend. „Guten Tag, mein Name ist Lisa Bechtel. Ich rufe wegen Ihrer Kampagne zur Produktpiraterie an. Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?“
„Ja, natürlich“, kommt es superfreundlich zurück. „Frau Bechtel, darf ich fragen, für wen Sie arbeiten?“
Lisas Blick streift schnell über das Chaos in ihrem Zimmer; sie muss sich fokussieren. Sie schnappt sich ein Sushistäbchen, um es – wie eine Dirigentin ihren Taktstock – in die Luft zu stoßen. „Ich arbeite für niemanden.“
Hugo Berteaux ist hörbar irritiert. Er sagt nämlich erst einmal gar nichts. Dann: „Was haben Sie vor? Einen Artikel für die Tageszeitung, Radio, TV? Oder sind Sie...“, bei dem nächsten Wort meint Lisa, eine gewisse Abneigung heraushören zu können: „Influencerin?“
Doch mit all dem hat Lisa nichts zu tun: „Ich bin keine Journalistin. Ich möchte den Fall aufklären.“
Hugo Berteaux quittiert das mit einem bestätigenden Murmeln: „Sind Sie von der Polizei?“
„Ich bin Privatdetektivin.“
„Eine Privatdetektivin, die Produktpiraterie aufklären will?“, überlegt Hugo. „Und wer hat Sie mit diesem Fall beauftragt?“
„Niemand“, Lisa klopft sich leicht mit dem Stäbchen an die Stirn, als wolle sie ihr Denken beschleunigen. „Oder doch – ich bin meine eigene Auftraggeberin. Ich habe mich darauf spezialisiert, Fälle zu bearbeiten, bei denen Belohnungen ausgesetzt sind.“
„Das klingt … interessant. Darf ich Sie bitten, eine schriftliche Anfrage zu stellen?“
Lisa weiß natürlich, dass sie gerade abgewimmelt wird. Niemand wird sich auf eine E-Mail melden, wenn er zuvor schon im telefonischen Kontakt war. Warum auch? Offensichtlich hat sie es nicht geschafft, Hugo Berteaux zu interessieren. Doch das Telefonat ist noch nicht zu Ende. Sie muss jetzt liefern.
„Was soll in der E-Mail stehen?“, spielt sie auf Zeit. „Mein Vorhaben, meine Qualifikationen? Meine Webseite mit Klienten, die ich betreut habe?“
Jetzt könnte Hugo das Telefonat mit einem fröhlichen „Das wäre super, vielen Dank“, beenden, so wie er jedes zweite berufliche Telefonat abschließt.
Doch Lisa ist noch nicht fertig: „Wie soll das funktionieren? Ihre Initiative zur Bekämpfung der Produktpiraterie hat 5.000 Euro Belohnung ausgelobt. Wie soll ich da auf einen vernünftigen Tages- beziehungsweise Stundensatz kommen, wenn Sie als Erstes E-Mails verlangen, die nicht beantwortet werden? Es ist viel effizienter, wenn Sie mir einen Termin geben!“ Sie macht eine Kunstpause, dann setzt sie nach: „Oder sind Sie gar nicht an einer professionellen Zusammenarbeit interessiert?“
Lisas Plan ist klar. Sie hofft, Hugo Berteaux zu verunsichern. Eigentlich müsste doch jeder Assistent die Frage nach professioneller Arbeit sofort mit ‚Ja‘ beantworten.
Hugo Berteaux ist nicht, wie die meisten Assistenten, ein überqualifizierter, viersprachiger Mitarbeiter. Vielmehr ist er Abschlussstudent der Kommunikationswissenschaften. Er lernt also noch und ist als persönlicher Assistent von Berit Hansen angestellt. Er muss nicht Verkaufszahlen im Kopf haben, sondern seine Chefin ‚lesen‘ können, ihr in kreativen Entscheidungen eine Stütze sein. Die persönliche Ebene ist also sehr wichtig. Darum sagt er jetzt zu Lisa: „Vielen Dank, wir melden uns“, und legt auf.
Lisa verzieht das Gesicht. Was für eine Schlappe. Wie gut, dass sie niemand sehen kann, denn sie wird rot, wenn ihr etwas peinlich ist. Jetzt wird sie gerade knallrot. Fast so rot wie die Fliesen auf dem Couchtisch.